Sonntag, 20. April 2025

Ich hatte mal ein Fahrrad.

Und ich meine wirklich ich hatte und nicht nur ich habe eins besessen, denn in meiner Kindheit waren das zwei unterschiedliche Sachverhalte.

Ich habe auch besessen: Einen Nähkorb, eine Blockflöte, ein Pedalo und einen Lötkolben. Gehabt habe ich diese Dinge nicht, denn sie wurden mir gekauft, weil Mädchen so etwas eben besitzen, wenn man sich als Eltern nicht blamieren wollte. Benutzt habe ich diese Dinge nicht, denn „Das kannst du sowieso nicht.“ Dieser Satz war ein Code meiner Eltern für „Wir wollen gar nicht, dass sie es kann. Denn dann müssten wir erklären, warum sie trotzdem behindert ist. Behinderte Kinder können so etwas grundsätzlich nicht.“

Meine Eltern sind Ableisten. Das wusste ich nur nicht und gekannt habe ich das Wort auch nicht. Und ja, meine Mutter war Fan der Weihnachts-Serie „Anna“ – und hat sich geweigert zu verstehen, dass ich nie so laufen würde wie Anna es irgendwann tut, weil Schauspielerin Silvia Seidel im Gegensatz zu mir überhaupt keine Gehbehinderung hatte! – und wie viele Eltern behinderter Kinder, besonders behinderter Mädchen, hatten auch meine Eltern eine gewisse Affinität zu Klara aus „Heidi“.

Irgendwann hatte und besaß ich ein „Malen nach Zahlen“-Bild, das meine Patentante mir geschenkt hatte und ich wider Erwarten nicht „komplett versaut“ habe und ein paar Kästen Ministeck. Sollten behinderte Kinder auch nicht können, wurde aber hingenommen. Musste man ja nicht herzeigen.

Was ich aber nie hätte haben und besitzen sollen, auch nicht einfach nur besitzen, war ein Fahrrad.

Das kann die sowieso nicht.

Hat sie nicht zu können.

Darf sie nicht können.

Was nicht sein darf, kann auch nicht sein.

(Außerdem müsste man dann zugeben, dass sie nicht so schwer behindert ist, wie man es gerne hätte – nachdem man schon akzeptieren muss, dass sie nicht geistig behindert ist sondern Klassenbeste, wie peinlich! – und dann bekommt man weniger Mitleid.)

Aber ich hatte und ich besaß ein Fahrrad.

Und ich konnte es fahren.

Und das ist alles die Schuld von B. (der [hier sämtliche ableistischen Beleidigungen, die meine Mutter damals im Vokabular hatte einfügen])!

München, Spielplatz 1988/89.

Alle Kinder spielen. Die kleinen im Sand, die großen klettern oder jagen sich auf der angrenzenden Wiese.

Nur ich nicht. Obwohl ich mehrmals eingeladen werde und Kinder versprechen, dass sie vorsichtig sind. Das zehn Jahre ältere Geschwister eines Freundes meines Bruders bietet sogar an sich neben das Klettergerüst zu stellen und mich sofort zu stabilisieren oder aufzufangen, wenn ich abrutsche oder falle.

Trotzdem nicht.

Ich darf nicht. Weil Kinder mit Cerebralparese das nicht tun. Ist schon schwierig genug, laut meinen Eltern, zu erklären, dass ich nicht im Rollstuhl sitze. (Damals sagte man noch nicht „einen Rollstuhl nutzen“)

(Gleichzeitig war es ihnen peinlich, dass ich mit Kindern, die Rollstühle nutzten befreundet war. Ich durfte nie Bilder malen, auf denen meine Freundinnen Anne oder Nicole zu sehen waren. Die durften mich auch nicht besuchen.)

Ich darf gar nichts auf dem Spielplatz. Ich muss neben meiner Mutter auf der Bank sitzen und Walkman hören. Benjamin Blümchen. Nicht Bibi Blocksberg. Da habe ich immer das Intro mitgesungen und singen darf ich auch nicht. Das machen „normale“ Kinder nämlich nicht, finden meine Eltern.

Ich bin acht Jahre alt und langweile mich.

Nix darf ich. Nicht spielen, nicht singen, keine Freunde auf dem Spielplatz haben – geht nicht, wenn ich nicht von der Bank aufstehen darf. Meine Mutter findet, es reicht, wenn ich mit Erwachsenen rede. Aber nicht zu viel, nerven soll ich auch nicht.

Die Kinder, die ungefähr so alt sind wie ich bekommen zu der Zeit Fahrräder. Laut meinem Vater brauche ich „gar nicht drauf zu gaffen“, ich bekomme sowieso keins.

In meiner grenzenlosen Naivität frage ich warum nicht.

Weil ich das nicht kann, verflixt noch eins!

Melanie hat das auch neulich erst gelernt.

Ich bin wirklich so „a arrogantes Bazi“, dass ich glaube, ich könnte es auch lernen.

Das soll ich mir aus dem Kopf schlagen.

Also sitze ich weiter gelangweilt und zunehmend frustriert auf der Bank. Mir wird schon schlecht, wenn die Schule aus ist, weil ich dann nichts darf. Wenn meine Eltern wüssten, dass ich in der Schule durch Reifen springe, dürfte ich wohl nicht mehr zur Schule. Sie sind schon immer sauer auf die eine Lehrerin, die ihnen sagt, sie sollen mir nicht ständig ins Wort fallen.

Mein Bruder kennt noch andere Sandkastenkinder außer den Jungen mit dem Geschwister, das mich beim Klettern sichern wollte. Unter anderem ist da noch der Freund mit der Mutter, die irgendwann anfängt sich mit meiner Mutter zu streiten.

Weil die mich nichts machen lässt. Wie soll ich denn etwas lernen, wenn ich es nicht mal ausprobieren darf?

Die Antwort meiner Mutter ist immer dieselbe: „Die kann das sowieso nicht.“ Jedes Mal.

Eines Tages sagt B.: „Sage mal, wird dir des net fad? ‚Die kann‘s net, die kann’s net.‘ Habt ihr’s versucht?“ Und dann zu mir, ob ich schon mal auf einem gesessen hätte.

Der Moment ist gefährlich. Weil ich weiß, dass, egal was ich sage, ich es mir mit meinen Eltern verdorben habe. Aber wenn sie eh sauer sind, kann ich auch die Wahrheit sagen.

B. will das so nicht stehen lassen. Sie findet ein passendes Leihfahrrad und wir zwei üben jeden Tag. Wochen-, vielleicht monatelang. Als ich aufgeben will, weil meine Eltern mich so verrückt machen, dass ich sicher bin, dass es an mir liegt, dass es nie klappen wird sagt B.: „Du kannst Fahrrad fahren! Hast du nicht gemerkt, dass ich vorhin sofort losgelassen habe?“

Hatte ich nicht.

Aber viele Leute außer mir.

Die Mütter von Freunden meines Bruder applaudieren, das eine Geschwister vom Klettergerüst sagt „Siehst du, geht doch!“, die Freunde meines Bruders und mein Bruder: „Die […] fährt Fahrrad!“ – nur meine Mutter ist beleidigt. Wie die ganze Zeit schon. Dann, als B. und ich freudestrahlend auf den Spielplatz kommen, vor Wut kochend.

Sie weiß, dass B. noch nicht am Ende ist. Mein Vater hatte irgendwann großspurig verlauten lassen, sollte ich doch Fahrrad fahren können, kauft er mir natürlich eins – er war überzeugt, dass ich es auf überhaupt keinen Fall je können werde – und jetzt wird B. dafür sorgen, dass ich eines bekomme.

Das hat sie auch. Deshalb hatte ich mal ein Fahrrad.

Und hätte ich eine Tochter gehabt, dann hieße sie Beate.

Vor ein paar Tagen wurde auf Mastodon im englischsprachigen Hashtag-Spiel Scribes And Makers gefragt, ob wir Held*innen haben und ich habe in stark komprimierter Form die Geschichte von meinem Fahrrad erzählt.





Sonntag, 23. März 2025

Ich glaube, ich habe alleine in diesem Monat so viel Lautsprache benutzt wie in einigen anderen Jahren in zwölf Monaten insgesamt. Ich spreche sonst nicht viel. Und ich habe bis jetzt in diesem Monat vier Ausstellungen gesehen, die Eindrücke von einer aus dem letzten Monat wirken noch nach, und ich habe ein kostenloses Ticket für eine Anfang April. Das ist bis jetzt die einzige fest geplante von einem „großen“ bereits verstorbenen Künstler in einem großen Museum. Wann ich Marc Chagall in Düsseldorf schaffe, weiß ich nicht.

Das Tolle an der momentanen Situation ist, dass bisher jede Person, bei deren Ausstellung ich war die Namen von einer oder zwei weiteren Kunstschaffenden, die ich bisher nicht kannte für mich hat. Ich recherchiere das alles und lerne so viel kennen.

Und so zufällig. Die Fotografin, die zufällig im selben Treffen einer NGO wie ich sitzt und eine Ausstellung im derzeit laufenden Kunstprogramm einer Stadt in der Nähe hat. Da gehe ich doch hin.

Der Mensch, von dessen Existenz ich nicht wusste, der aber ein ganzes öffentliches Museum führt und einen Eintrag in der englischsprachigen Wikipedia hat. Muss man als deutscher Künstler, wenn man nicht gerade aus der obersten Liga kommt, erst mal schaffen.

Im Februar sehe ich „MILITANT JOY“ von Gritli Faulhaber an dem Ort in der Geburtsstadt meiner Mutter, an dem früher ein Café für Drogen gebrauchende Menschen war. Jetzt ist da der Neue Kunstverein. Ein großer Raum mit einer riesigen Fensterfront. Ich freue mich sehr und fühle mich von Faulhaber gesehen und verstanden, denn auch sie ist chronisch kranke, Tagesform abhängig zu unterschiedlichen Graden in ihrer Bewegungsfähigkeit eingeschränkte Künstlerin. Der ausgestellte Werkzyklus ist ohne dieses Wissen nicht zu verstehen.

Anfang März besuche ich einen mir bekannten Künstler in einer anderen Stadt auf seiner Vernissage und zücke zum ersten Mal wieder mein Skizzenbuch. Das Schreiben in Museen ist mittlerweile vielfach verboten, in diesem Atelier kann ich notieren so viel ich will und so lange ich stehen kann. Mir wird zwar das Sofa angeboten, aber da ich nach einem Versuch nicht schmerzfrei davon hochkomme, verzichte ich. Es ist die erste Vernissage, die ich seit Jahren besuche.

Später, an einem anderen Tag, besuche ich die Solo-Ausstellung dieses Bekannten anderswo. Dabei treffe ich auf den Museumsmacher mit dem Eintrag in der englischsprachigen Wikipedia. Ich wusste nur, dass dieser Mensch mit dem angrenzenden Kulturzentrum zu tun hat. Weil ich da etwas in Erfahrung bringen will, frage ich, an wen ich mich wenden muss. Und dann, zurück in der Geburtsstadt meiner Mutter, eine kleine Galerie beinahe schon in dem Stadtteil, in dem sie mal gewohnt hat. Die Straße ist dieselbe, sie ist lang und führt durch mindestens zwei Stadtteile.Installationen und Illustrationen und ein bisschen um die Ecke denken und ich denke „So will ich das“ und ertappe mich im Gespräch mit der Künstlerin zum ersten Mal wieder selbstbewusst eine Berufsbezeichnung zu geben. Wir sprechen über eine Stunde und stellen fest, dass unsere Hörsinne ähnlich funktionieren und wir außerdem ähnliche Ansichten zur aktuellen politischen Lage teilen.





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