Der Dezember ist kein Monat für mich. In meiner Familie ist er aus unterschiedlichen Gründen der Härteste und als ich meine alten Blogs noch hatte, habe ich mich viel dazu geäußert. Das wusste auch die Person, die diese Blogs zerstört hatte und deshalb ist es nicht unwahrscheinlich, dass sie sich für ihre finale Aktion damals nicht nur ebenfalls den Dezember sondern auch noch ein Datum, um dass es mir immer schlecht ging gesucht hat. Das wird ihr Spaß gebracht haben, waren ja nur Menschen, denen sie geschadet hat und Menschen sind (anscheinend für sie) weniger Wert als Klicks. Ich habe lange gebraucht bis ich das - mit therapeutischer Begleitung so verstanden hatte, die ganze Boshaftigkeit, die ganze Bösartigkeit – und seitdem bestimmt auch das meine Dezember.
Es ist also ein guter Monat, um nicht existent zu sein. Ich suche mir neben all den externen Terminen allerlei zu tun, setze Deadlines und Wordcounts, weil ich bis zu einem bestimmten Ereignis Ende des Monats durchhalten muss ohne völlig erschöpft oder handlungsunfähig zu sein und dieses eine Ereignis mir eigentlich sagt, dass ich nicht wieder aufhören darf zu schreiben. So schwer es mir fällt, ich darf es nicht, auch wenn ich es seit den zerstörten Blogs noch weniger will als ich es vorher wollte. Es ist das einzige, was ich kann.
Ich schiebe auf, zwei Menschen aus dem Kunsthaus, die Interesse an dem Ereignis hatten ihre Mails zu schreiben, weil ich die Infos, die das bräuchte selbst nicht habe. Ich „verspreche“ jemandem einen Blogartikel und mache ihn nicht. Ich finde zufällig das Ende eines angefangenen Textstücks und beginne ein neues in einer Sprache, in der ich lange nicht mehr gearbeitet habe.
Ich wollte zwei Ausstellungen in einem Künstlerverein und eine in einer Galerie sehen und habe es bisher nicht geschafft, die kleine im Rathaus einer angrenzenden Stadt schaffe ich durch Zufall. Zwei Neumitglieder eines Künstler*innenvereins werden mit einzelnen Werk vorgestellt. Sie arbeiten mit Worten, Installationen und Kaffee.
In der Geburtsstadt meiner Mutter hat mal ein Mann namens Louis Schild gewohnt. Da, wo die Pforte des alten Hochtiefhauses ist, fast gegenüber vom Aalto-Theater, in der Nähe von Philharmonie und Herrhausen-Haus.
Das sind Orte, die Louis Schild nicht gekannt hat.
Louis Schild kannte: Beim Stadtgarten, in der Nähe vom Hauptbahnhof, möglicherweise auch nahe beim Handelshof und vielleicht auch mit gutem Gang fußläufig zur Synagoge.
Falls Louis Schild religiös war.
Louis Schild wurde 1880 geboren und 1935 im KZ Esterwegen ermordet. Heute ist sein Todestag.
Ich habe von ihm und seiner Geschichte erstmals 2022 in der Ausstellung „Come Out, Essen!“ im Essener Stadtarchiv erfahren, wo ihm auf einer Tafel ein Absatz gewidmet war. Neben dem Text gab es Polizeifotos mit seinem Gesicht.
Louis Schild wurde am 26.08.1935 verhaftet, nachdem ihn ein Nachbar denunziert hatte. Ihm wurde im NS-Vokabular „widernatürliche Unzucht“ unterstellt und obwohl man Louis Schild nichts nachweisen konnte sperrte die Gestapo ihn wochenlang ins Gefängnis, bevor er schon sehr krank ins KZ kam und dort bis zu seiner Ermordung durch den SS-Mann Gustav Sorge erniedrigt und gequält wurde.
Ursprünglich stammte Louis Schild aus Dortmund, weshalb der Arbeitskreis schwul-lesbische Geschichte aus Dortmund ihm vor zehn Jahren ein Videoportrait gewidmet hat:
Ich weiß noch, dass ich damals nach der Ausstellung im Stadtarchiv vom Archiv zu seiner letzten freiwillig gewählten Adresse in der Steinstraße lief und mir gedacht habe, was für ein kleiner Radius das ist. Kommt man vom Archiv, muss man am Hauptbahnhof vorbei und direkt am Hauptbahnhof ist der Handelshof und dort betrieb der ebenfalls schwule und später im KZ ermordete Alfred Quaas einen Treffpunkt für homosexuelle Männer. Biegt man am Hauptbahnhof in die Rellinghauser Straße ein, um zum Hochtiefhaus zu kommen, kommt man an der Adresse einer früheren Schwulenbar vorbei und dort, wo man schließlich die Straße überqueren muss ist der westenergie-Turm. Vor dem wehten damals Regenbogenflaggen, denn es war Pride Month, und geht man nicht über die Straße, sondern biegt in die Gutenbergstraße ein kommt man zu einem Supermarkt, an dessen Tür in den Nullerjahren eine Regenbogenflagge klebte. Außer Alfred Quaas’ Treff im Handelshof hat Louis Schild definitiv nichts davon gekannt. Ob er den Treff gekannt haben könnte ist Spekulation. Man weiß, dass er oft in einem Automatenrestaurant gegessen hat und dort Männer kennenlernte. Wo sich dieses Restraurant befand, weiß ich nicht.
Aber ich dachte damals wie dieser kleiner Radius, es sind vielleicht zwei Kilometer, wenn überhaupt, doch schon immer ein queerer Ort war.
Manchmal, wenn ich heute in der Stadt bin, gehe ich nach wie vor zu der Stelle mit dem Gedenkstein für Louis Schild und dann frage ich mich, wie dieser 100 Jahre vor mir geborene Mann die Flaggen, die da immer wieder in der Nähe seiner ehemaligen Wohnung hängen finden würde.
Vielleicht fände er sie gut.
Möge ihm die Erde leicht sein.
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